Offener Brief an die Pränataldiagnostiker

Liebe Pränataldiagnostiker!

Ich möchte heute meine Gedanken aussprechen, die ich seit einiger Zeit mit mir herum trage.

Dass es Sie gibt, ist ein großer Fortschritt in der Geburtsmedizin. In meiner ersten Schwangerschaft war ich unendlich dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, meine Tochter bereits im Bauch “aufwachsen” zu sehen. Nicht pixelig und in schwarz-weiß, sondern gestochen scharf, in 3D und Farbe.

Unsere kleine Tochter 2013

 

Unsere große Tochter 2010

 

Ich war geblendet von den Möglichkeiten, von der Technik, der Faszination Leben und wir haben uns auf Anhieb verstanden. Schließlich gab es auch keine Probleme. Meine Tochter war gesund, Sie nahmen empathisch an meiner Schwangerschaft teil und die Stimmung war ausgelassen fröhlich.

Dann kam ich 3 Jahre später wieder. Gebrochen. Ängstlich. Verunsichert. Voller Sorgen. Mit einem Anfangsverdacht, den keine Mutter jemals hören möchte, der sich jedoch im Verlauf Ihrer Untersuchung bestätigte.

Sie können die Schwangerschaft jederzeit beenden

Ich hätte mir gewünscht, dass Sie mich auffangen. Mir Sicherheit geben. Stattdessen war einer der ersten Sätze – nach einem für mich niemals enden wollenden Ultraschall – dass ich diese Schwangerschaft jederzeit beenden könne. Wow. So fühlt es sich also an, wenn einem im Moment größter Glückseeligkeit der Boden unter den Füßen weggerissen wird.
Statt Empathie – wie damals bei unserem ersten Zusammentreffen – herrschte kühle Routine im Untersuchungszimmer. Feste Abläufe wurden abgespielt, Floskeln ausgesprochen und immer wieder betont, dass ich jederzeit jede Entscheidung treffen könne und mich das Netz aus Spezialisten dabei unterstützen wird.

Heute, 11 Monate nach unserem erneuten Zusammentreffen, bin ich manchmal wütend, dass Sie mich mit der Notwendigkeit einer Fruchtwasseruntersuchung überfallen haben. Ich erinnere mich, als wäre es gestern. Der schwere Herzfehler Ihres Kindes, der nicht gefüllte Magen, die große Fruchtwassermenge – all das spricht dafür, dass ein Chromosomendefekt beim Kind vorliegt. Wenn es eine Trisomie 21 wäre, würde es Sie noch am besten treffen, höre ich Sie sagen. Ich hätte rückblickend gern mehr Zeit gehabt und hätte mich dann wohl dagegen entschieden. Stattdessen blieben mir keine 18 Stunden, bis Sie mir erklärten, dass bei einem solch schwerem Herzfehler keine Maßnahmen eingeleitet würden das Baby überleben zu lassen, sollte es durch die Fruchtwasseruntersuchung zu Wehen kommen. Da war ich in der 24. Schwangerschaftswoche und hatte die Nadel schon im Bauch.

Vor Ihnen sitzen Tag für Tag Eltern, deren ganze Hoffnung und Freude von einer Sekunde auf die andere zerschlagen wurden.

Liebe Pränataldiagnostiker! Ich hätte mir sehnlichst gewünscht, dass Sie wissen, wen Sie vor sich haben: Vor Ihnen sitzen Tag für Tag Eltern, deren ganze Hoffnung und Freude von einer Sekunde auf die andere zerschlagen wurden. Zu Ihnen kommen Mütter, die hilflos und verzweifelt sind, Angst haben und auf Ihre Hilfe, Ihre Zuversicht, aber auch Ihr Einfühlungsvermögen angewiesen sind.

Wir wollen offene Worte, die trotzdem mitfühlend ausgesprochen werden. Lassen Sie uns über alle Alternativen sprechen. Wir brauchen jemanden, der erfahren genug ist, uns zu stützen, statt uns nach einer Untersuchung mit unschönen Tatsachen allein und am Boden zerstört, weinend im Wartebereich sitzen zu lassen. Vor allem brauchen wir aber niemanden, der uns gleich zu Beginn den Abbruch der Schwangerschaft anbietet.

Bitte vergessen Sie bei aller Routine nicht, wie es uns Müttern dabei geht!

Liebe Pränataldiagnostiker! Ich habe in den letzten Monaten viele Mütter gesprochen, denen genau das gleiche passiert ist wie mir. Die zu Ihnen kamen, weil Sie Hilfe und Halt suchten. Und in jedem einzelnen Fall wurde in kühler Routine ein Schwangerschaftsabbruch angeboten. Läuft hier nicht etwas grundlegend falsch?
Ich habe großes Verständnis dafür, dass Sie sich vielleicht selbst schützen müssen, bei allem was Sie täglich erleben, nicht zu viel Empathie zulassen können. Ich verstehe auch, dass werdende Mütter rein rechtlich die Möglichkeit zu einem Spätabbruch haben, wenn das ungeborene Kind krank ist.
Aber bitte vergessen Sie bei aller Routine nicht, wie es uns Müttern dabei geht. Wir kommen zu Ihnen, wenn unsere Welt aufgehört hat sich zu drehen. Wir wollen nicht noch mehr zerstörende Worte hören, die kühl ausgesprochen werden, als beträfe es jemanden, den wir beide nicht kennen. Es geht in jedem einzelnen Fall um unsere Babies. Auf die wir lange und voller Freude gewartet haben! Und die zu lieben es ab diesem Moment schwer fällt.

Liebe Pränataldiagnostiker, ich bin froh, unendlich froh, dass ich nicht auf diese Möglichkeit eingegangen bin, die Schwangerschaft zu beenden. Denn meine zweite Tochter lebt. Sie führt trotz ihres schweren Herzfehlers sogar ein annähernd normales Leben.
Die heutige Technik ist Fluch und Segen zugleich. Sämtliche Softmarker, die für einen Chromosomendefekt sprachen, waren unbegründet. Aber die Unbeschwertheit und den Zauber einer Schwangerschaft, nämlich die unbändige Freude auf sein Baby, habe ich, haben wir dennoch verloren.

Ich habe Sie immer sehr geschätzt und tue das auch heute noch! Aber denken Sie bitte über meine Worte nach. Machen Sie all jenen Frauen, die verzweifelt vor Ihnen sitzen werden, das Leben nicht noch schwerer. Statt ihnen den Mut zu nehmen, helfen Sie ihnen, nach vorn zu sehen!

Eine Mutter, die den Mut dennoch nicht verloren hat.

10 Kommentare on Offener Brief an die Pränataldiagnostiker

  1. Ellen ....
    29/08/2014 at 06:25 (5 Jahren ago)

    Danke für diese Worte. Du berührst mich immer wieder. In Gedanken bin ich oft bei euch. Alles Gute!

    Antworten
    • Jessika Rose
      29/08/2014 at 06:33 (5 Jahren ago)

      Liebe Ellen! Vielen Dank für deine Worte! Und danke auch dafür, dass mein Blog auf deinem verlinkt ist! 😉

      Antworten
  2. Anonymous
    29/08/2014 at 07:04 (5 Jahren ago)

    Danke…. <br />Mehr braucht es nicht.

    Antworten
  3. Saskia
    29/08/2014 at 08:11 (5 Jahren ago)

    Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

    Antworten
  4. icansaymama
    30/08/2014 at 13:22 (5 Jahren ago)

    Das hast Du toll geschrieben, und so treffend! Danke!

    Antworten
  5. Anonymous
    01/09/2014 at 11:20 (5 Jahren ago)

    Liebe Jessika! <br />Herzlichen Dank für diesen Brief und die offenen Worte! Ich habe in meiner Schwangerschaft ganz ähnliche Erfahrungen gemacht wie du – und bin heute jeden Tag dankbar dafür, dass unser Kind lebt und dass es ihm gut geht. Auch bei unserem ungeborenen Kind wurde aufgrund von mehreren Organfehlbildungen eine Chromosomenanomalie vermutet. Zeitweilig war während der Schwangerschaft

    Antworten
  6. Claudia
    02/09/2014 at 09:49 (5 Jahren ago)

    Liebe Jessika! <br />Seitdem ich gestern bei Twitter auf deinen Beitrag gestoßen bin, lässt es mich mal wieder nicht los. Dabei ist meine Geschichte 18 Jahre her und hatte ihr erstes Ende in einem Abbruch am Ende der 12. SSW gefunden. Es musste schnell gehen, damit es noch ein &quot;normaler Abbruch&quot; sein konnte… und so hatte ich nur etwas mehr als 12 Stunden, um mich von dem Baby zu

    Antworten
  7. Anonymous
    02/09/2014 at 20:23 (5 Jahren ago)

    Einfach nur tolle Worte!!<br />Ärzte können manchmal so kühl sein und gerade in diesem Beruf ist es so wichtig, dass sie Sicherheit geben und Einfühlungsvermögen besitzen. Leider ist dies bei einigen Ärzten nicht so.<br />Als meine Tochter damals geboren wurde, haben sie bei dem Organscreening festgestellt, dass sie nur eine Niere hat. Nichts lebensbedrohliches, aber für mich in dem Moment (und

    Antworten
  8. Lina
    26/04/2016 at 18:33 (4 Jahren ago)

    Liebe Jessika,

    vielen Dank für solch tolle Worte. Gerade wenn man ähnliche Erfahrungen gemacht hat, berühren sie sehr. Alles kommt einen so bekannt vor und man erinnert sich zurück als wäre es gestern gewesen. Es war zugleich die schlimmste und schönste Zeit in meinem Leben.ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute weiterhin und glaube fest daran, dass solche Augenblicke im Leben uns nur stärker machen.
    Liebe Grüße Lina

    Antworten
  9. Barbara
    26/04/2016 at 19:34 (4 Jahren ago)

    Hallo, ich kann nur sagen, wie der Kinderarzt mir die Diagnose mitgeteilt hat, war unter aller Kanone! Es konnte nicht gewartet werden bis mein Mann da war! Ich fand und finde das unmöglich!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich stimme zu.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.