Elternsein ist manchmal auch zum Kotzen – Ungeschminkter Familienalltag statt Katalogfamilie

Ein Bild. Familien-Idylle. Er. Sie. Die Kinder. Ein Haus im Grünen. Vogelgezwitscher. Das Haustier glücklich. Überall friedvoll lächelnde Gesichter. Liebevolle Gesten. Pure Glückseligkeit. Ein Bild wie aus einem Katalog.

Wenn da nicht…, ja wenn da nicht das echte Leben wäre. Die Protagonisten ungeschminkt. Meistens sogar mit Augenringen. Ohne Photoshop. Er. Sie. Die Kinder. Ein Haus im Grünen. Unaufgeräumt. Vielleicht aber auch nur eine kleine Wohnung mitten in der Stadt. Nicht weniger aufgeräumt natürlich. Das Vogelgezwitscher geht zwischen Straßenlärm und Kindergeschrei unter. Das Haustier verzieht sich genervt. Statt friedvoll lächelnden eher gestresste Gesichter. Anspannung. Liebevolle Gesten weichen einem monotonen Motzen. Familienleben live. Willkommen im Alltag.

Dass das ein wenig überzogen ist, versteht sich von selbst. Wobei…so sicher bin ich mir da gar nicht. Und trotzdem oder gerade deshalb ist jetzt der Zeitpunkt, an dem ich sagen muss: Ich liebe meine Familie. Wirklich! Und ich habe sogar das Glück und darf einen hilfsbereiten Mann, ein selbstständiges großes Kleinkind und ein pflegeleichtes Baby mein Eigen nennen. Mich hat es also gar nicht so schlecht getroffen.

Aber neulich war ich genervt. So mit richtig schlechter Laune, die bereits nach kurzer Wachphase in einer erst wortreichen und anschließend wortlosen Auseinandersetzung gipfelte. Nur – darf ich das überhaupt? Leben wir nicht im Zeitalter der Supermütter und Superväter, die alles können und machen und überhaupt Superkraft haben? Wo das Haus immer aufgeräumt ist und die Kinder immer bis zum Wahnsinn bespaßt werden müssen? Wo man all das aus tiefstem Herzen und mit allergrößter Freude macht? Nirgends liest man, wie anstrengend, kräftezehrend und unharmonisch so ein Familienleben sein kann. Immer ist alles “soooo schöööön harmonisch”, “Kinder schenken einem soooo viel Liebe” und mit dem Partner glückselig in “gemeinsam erfüllten Träumen zu versinken” ist die abendliche Krönung eines wunderschönen Familientages… Das echte Leben ist da irgendwie anders. Kein Katalog. Kein Hochglanz. Kein Photoshop. Ungeschminkte Realität trifft es eher.

Und die könnte so aussehen:

An eine schlaflose Nacht schließt sich ein Morgen an, bei dem Er oder Sie (selten beide, denn das wäre ja schon wieder wie im Katalog) reichlich gute Argumente finden muss, um das große Kind aus dem Bett zu locken, zum Anziehen zu animieren, durch’s Bad zu dirigieren und ohne Rotzblasen oder mittelschwere Wutanfälle in der Kita abzugeben. Pünktlich versteht sich. Nebenher muss das kleine Kind gewickelt, gefüttert und angezogen werden, damit es sich anschließend bespuckt, vollkackt oder irgendeinen anderen unerfindlichen Grund findet, 2 Minuten, nachdem man eigentlich schon im Auto auf dem Weg in die Kita sein müsste, umgezogen zu werden. Während man (eher Frau – sehen wir der Realität tapfer ins Auge, denn Er befindet sich schon auf dem ruhigen Weg ins Büro…) das tut, beginnt Kind 1 sich langsam wieder auszuziehen oder einen ernsthaften Nervenzusammenbruch vorzutäuschen, weil das richtige Spielzeug als Wegbegleiter in die Kita spurlos verschwunden ist. 
Das Haustier sieht währenddessen gelangweilt zu und weiß genau, dass es den Schlafplatz nur gegen Leckerlies verlassen wird. Denn Sie ist böse und lässt das Haustier nicht allein im Wohnzimmer zurück, wenn sie länger als 5 Minuten das Haus verlässt. Aus gutem Grund… 
Sitzen dann irgendwann (meist so 10 Minuten bevor es in der Kita Frühstück gibt) mal alle im Auto, Kind 1 nörgelnd wegen dem unauffindbaren Wegbegleiter (und es muss an solchen Tagen natürlich GENAU DER sein), Kind 2 schreiend, weil es so schön zur Stimmung passt und Sie, notdürftig gekleidet, ungeschminkt und sich halb ins Lenkrad krallend vor Entzückung über so einen schönen Morgen, fühlt es sich zumindest für eine Beteiligte an, als wäre der Tag schon 48 Stunden alt.

Ist Kind 1 in der Kita, beginnt endlich der Katalogteil des Tages. Sie auf der Couch, Beine hoch. Kind 2 bis zum Abend brav schlafend. Das Haus aufgeräumt, im Ofen bereits das vorgekochte Abendessen, die Stimmung perfekt… Glaubt ihr nicht? Ok, einen Versuch war’s wert. 
Tatsächlich ist die Laune bis zum Eintreffen von Ihm so gradios, dass Sie ihm schon mit ausgestreckten Armen Kind 2 entgegenreicht. Dieses teilt natürlich lautstark brüllend seine Freude mit. Kind 1 unterbricht die Kulisse durch aufmerksamkeitserregende Wutanfälle, die von Ihm und Ihr nur noch stumm zur Kenntnis genommen werden. Zitat: Dann geh ich eben hoch in mein Zimmer! Es folgt wütendes nach oben stampfen und Türen knallen. Er versucht vorsichtig mitzuteilen, dass sein Tag anstrengend war und ob er nicht erstmal ankommen dürfe. Sie lächelt verbissen und blättert währenddessen imaginär Webseiten mit fernen Reisezielen durch. Kind 2 hat sich mittlerweile in Rage geschrien und beschlossen, dass Er heute nicht der Tröster der Wahl ist. Kind 1 hat sich wieder beruhigt und studiert derweil still den Ratgeber “Wie treibe ich meine Eltern in den Wahnsinn – Teil 3”. 
Er oder Sie macht Abendessen. Mit einem Gesichtsausdruck, der es auf die Titelseite eines Hochglanzmagazins für Gothikmode schaffen würde. Es grenzt fast an ein Wunder, dass am Ende alle am Esstisch sitzen. Kind 1 halb mit dem Kopf im Essen. Kind 2 natürlich mit pünktlich eingesetztem Hungergefühl und Er oder Sie Nahrung aufnehmend. Der oder die andere füttert Kind 2 und isst das Abendessen später. Kalt.
Auf das sich anschließende Einschlafritual von Kind 1 und dem perfektionierten Repertoire an Ausreden, warum es noch nicht schlafen könne oder müsse, gehe ich an dieser Stelle nicht ein. 
Es sei nur gesagt: Am Ende schlafen sie. Kind 1, Kind 2, das Haustier und Er oder Sie (bei Kind 1 liegend – logisch!). Und derjenige, der wach übriggeblieben ist, freut sich heimlich über die Stille im Haus und liegt lethargisch auf der Couch oder hängt vorm Laptop. Das sich stapelnde Geschirr vom Abendessen wird schon niemand wegräumen. Dieses kleine bisschen Freizeit ist einfach zu kostbar…

Ich glaube ganz fest, dass da draußen noch viel mehr Mütter und Väter sind, denen es so oder so ähnlich geht. Solche, die vom Elternsein manchmal einfach nur genervt sind, sich gegenseitig anmotzen, statt gemeinsam darüber verzückt zu sein, was für niedliche kleine Wunder man geschaffen hat. Bei allem Harmoniebedürfnis – die Realität ist leider meistens eine andere.
Wo verstecken sich also diese Katalogfamilien, die mit einem Zahnpastalächeln beschwören, dass Familienleben gleich Friede, Freude, Eierkuchen ist? Ich kenne keine. Aber auch das Gegenteil hält sich ziemlich erfolgreich in der Tarnung versteckt. Warum? Weil jeder von uns gern so tun möchte, als lebe man auch auf der Titelseite eines Hochglanzmagazins? Oder weil man schiefe Blicke fürchtet, wenn man einfach mal die ungeschminkte Wahrheit ausspricht?

Natürlich gibt es unzählige Momente, in denen mir, nein uns, das Herz aufgeht, wenn wir in die lachenden und uns mit Liebe anschauenden Augen unserer Kinder gucken. Und es gibt Tage, an denen (Zitat meines Mannes:) es läuft wie ein Länderspiel, die Kinder abends VOR der Tagesschau schlafen und man gemeinsam auf der Couch sitzen und die friedliche Zweisamkeit genießen kann.

Aber – Elternsein ist eben manchmal auch zum Kotzen. Für den Einzelnen und für beide zusammen. So. Nun ist es raus. Auch wenn es diese Aussage nie auf das Titelblatt eines Familienmagazins schaffen wird.
Und ich setze sogar noch eins oben drauf. Manchmal wünsche ich mir sogar, die Zeit zurückdrehen zu können zu dem Damals, als wir noch kinderlos waren. Was haben wir rückblickend unsere Freizeit verschwendet! Und wie paradisisch fühlt sich diese Erinnerung an – auch wenn niemand von uns heute ernsthaft tauschen wollte.

DU HAST ES DIR DOCH SELBST AUSGESUCHT! Ich höre die Stimmen schon auf mich einreden…
Stimmt. Also was ist eigentlich mein Problem? Darüber könnte ich ja in meiner Freizeit mal nachdenken, wenn Kind 1, Kind 2, das Haustier und Er wieder schlafen. Oder auch nicht. Denn ich bin glücklich, dass sie da sind. Auch wenn sie brüllen, motzen, Wutanfälle kriegen und finstere Blicke werfen. Der ungeschminkte Familienalltag ist immerhin authentischer als eine dieser Hochglanz-Katalogfamilien. Und die Webseiten mit den fernen Reisezielen speichere ich sicherheitshalber ab. Nur für den Notfall natürlich.

9 Kommentare on Elternsein ist manchmal auch zum Kotzen – Ungeschminkter Familienalltag statt Katalogfamilie

  1. Jessika Rose
    10/04/2014 at 14:38 (6 Jahren ago)

    Ach Jenny… Dahin ziehen mich meine Gedanken immer wieder… 😉

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  2. Nicole Raeb
    10/04/2014 at 15:18 (6 Jahren ago)

    Sehr schön und amüsant geschrieben! 🙂

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  3. Franziska
    10/04/2014 at 15:33 (6 Jahren ago)

    darüber musste ich heute auch nachdenken und bin zum gleichen schluss gekommen 😀

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  4. Jenny
    10/04/2014 at 19:06 (6 Jahren ago)

    Ich weiss, Liebelein, ich weiss. <br /><br />Irgendwann heulen wir mal zusammen in einem Brokat-Theater am Broadway 😀

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  5. Anonymous
    09/05/2014 at 18:09 (6 Jahren ago)

    Sie sprechen mir aus der Seele!

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  6. Kirsten
    29/05/2014 at 19:32 (6 Jahren ago)

    Klasse, toll geschrieben! Irgendwann sind die Kinder groß und ihr könnt darüber lachen, es geht so schnell…

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  7. Sebastian
    24/06/2016 at 16:05 (4 Jahren ago)

    ja, uns sprechen Sie auch aus der Seele. Tatjana + Sebastian mit 2 Mädels ( Kotzbrocken ) 5 & 3 !!!!
    Danke für dieses kleine Netz. Für eine Sekunde fing es unseren Schmerz auf. Nun heult die 3 jährige wieder. brüllt. schreit. :-/

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  8. Birgit
    13/01/2019 at 18:08 (2 Jahren ago)

    Ach, gottseidank ist die schlimmer Baby-Kleinkindzeit für mich vorbei! Ich beneide die Mütter mit Babies und Kleinkinder nicht für mich die schlimmste Phase der Kindesentwicklung. Diese schrecklichen Jahre will ich nie wieder erleben. Das Geschrei und Geheule und die Nörgelei! Furchtbar. Jetzt sind meine Kinder schon grösser (10 und 7) und jedes Jahr wird es ein Stückchen leichter. Und irgendwann ziehen sie als selbständige Erwachsene aus und ich habe meine wohlverdiente Freiheit wieder!

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