Mama, warum weinst du? – Gedanken einer Dreijährigen über’s Sterben

Heute war einer dieser Abende, an denen das ins Bett bringen der Großen völlig aus dem Ruder lief.
Das allabendliche Spiel “Zappeln, Schnattern, Trinken, Toilette” beherrscht sie ja bis zur Perfektion. Aber heute überfiel sie mich völlig arg- und wehrlos mit ihren Gedanken. Und Schuld war ich selbst. Sie, mal wieder hustend und schnupfend, atmete mich in einer Tour an. Ich, leicht genervt, weil wir uns bereits in Runde 2 der Seuche befinden und es mich auch schon erwischt hatte, bat sie, mich doch bitte nicht direkt anzupusten beim atmen. Damit ich nicht wieder krank werde und schon gar nicht die Kleine anstecke. Und das brachte den Stein ins Rollen.

Mama, was passiert, wenn man aufhört zu atmen?

Bereits in dem Moment hätte mir klar sein sollen, wo das ganze heute Abend enden wird.

<<Wenn man aufhört zu atmen, erstickt man. >>
<<Und wenn man erstickt ist man tot, oder Mama? Mama, ist Opa Horst auch erstickt?>>
<<Nein mein Schatz. Opa Horst war ganz doll krank...>>

Verdammt. Wieder eine falsche Antwort.  Bevor sie von bloßem Kranksein auf Sterben schlussfolgern konnte, fügte ich hinzu <<…so krank, dass ihm keine Medizin helfen konnte, wieder gesund zu werden. Und irgendwann hat er aufgehört zu atmen.>>

Es folgten wehmütige Gedanken…dass sie sich nicht mehr an ihn erinnern könne. Und während sie das völlig unbefangen aussprach, schnürte sich mir immer mehr die Kehle zu. Absurde Gedanken schossen wie Blitze durch meinen Kopf. Was, wenn mir mal etwas zustößt und sie sich irgendwann nicht mehr an mich erinnern kann? Wenn sie einfach vergisst, wer ich war und wie es mit mir war. Vielleicht sind diese Gedanken gar nicht so absurd. Vielleicht denkt man als Mutter manchmal so…? Vielleicht sogar als Vater?
Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass es sie in dem Moment wirklich traurig machte, dass sie sich nicht an ihren Opa erinnern kann. Ich erklärte ihr mit tränenerstickter Stimme (und ich versuchte das durch Flüstern zu überspielen), dass sie noch ein Baby war als er starb.
Aber das genügte nicht. Sie hörte nicht auf, Fragen zu stellen…

<<Mama, ich möchte Opa Horst so gern mal sehen!>>
<<Das geht nicht, Mausi. Opa Horst ist gestorben. Und wenn jemand stirbt, kann man ihn nicht mehr sehen oder besuchen oder mit ihm reden.>>

Schweigen. Dann ein Schluchzen. Verdammt, warum müssen wir zu so einer Tages- bzw. Nachtzeit so ein Thema anschneiden? Warum müssen wir überhaupt darüber reden? Aber nun lag das Kind schon im Brunnen. Ich hatte mich mittlerweile wieder gefangen. Nun weinte sie.

Mama, ich möchte nicht tot sein. Ich möchte immer bei euch sein.

Scheiße. Mehr fiel mir in dem Moment nicht ein…

<<Mausi, die meisten Menschen sterben, wenn sie ganz alt sind. Ganz, ganz alt.>>

Und wieder war mein Kopf in der Schlinge. Denn wie erkläre ich ihr, sollte mit Hannah etwas schief gehen, dass sie nicht wiederkommen würde…? Jetzt schossen mir wieder die Tränen in die Augen. Und die absurden oder vielleicht auch gar nicht so absurden Gedanken kreisten erneut unkontrolliert in meinem Kopf.

Es war ganz still. Sie überlegte.

<<Mama, bist du schon ganz alt?>>
<<Nein, meine Süße. Ich bin noch nicht alt.>>
<<Wann bin ich ganz alt, Mama?>>
<<Das dauert noch gaaaanz lange. Du bist doch noch ein Kind.>> Und wieder hätte ich mir am liebsten sofort auf die Zunge gebissen. Denn irgendwann wird sie dahinter kommen, dass auch Kinder sterben können.

Dann schluchzte sie wieder:
<<Mama, ich möchte nicht da oben sein.>>
<<Aber Mausi, du bist doch gar nicht im Himmel! Du bist doch hier bei uns!>>
<<Aber wenn ich ganz alt bin, Mama, dann will ich nicht allein da oben sein. Dann will ich wieder runter zu euch kommen!>>

Jetzt weinten wir beide. Es tat mir so leid, dass wir überhaupt darüber redeten. Dass ich das Thema nicht sofort im Keime erstickt habe. Und dass sie sich ihren nicht mal 4 Jahre alten kleinen Kopf zerbrach und dabei wirklich traurig war.

<<Mausi, wenn du ganz, ganz alt bist und in den Himmel kommst, dann treffen wir uns da wieder und dann sind wir nicht allein und müssen nicht traurig sein, hörst du?>>
<<Ja, aber ich will nicht, dass wir da oben bleiben müssen. Ich will dann wieder hier runter zu uns ins Haus. Und wo schlafen wir denn dann da oben, Mama? Da sind doch keine Betten!>>

Stille.

Mama, warum weinst du?

 

Ja, warum weine ich eigentlich? Weil ich traurig bin, worüber wir reden. Worüber du dir Gedanken machst, mein Kind. Weil ich Angst habe, dir irgendwann viel mehr über’s Sterben erklären zu müssen. Weil ich eine Mama bin. Und sich Mamas von Natur aus gegen solche Gedanken wehren. Vielleicht auch, weil ich heute angreifbar bin. Verletzlich. Weil ich schon so lange nicht mehr geweint habe und es nun an der Zeit ist… Ich wusste es wirklich nicht.

<<Mama, ich habe eine Idee! Wenn wir ganz alt sind, nehmen wir einfach einen Luftballon und fliegen zusammen nach oben. Und wenn wir schlafen müssen, dann fliegen wir einfach wieder nach unten in unser Bett.>>
<<So machen wir das!>>
<<Mama, da stimmt was nicht!!!>>

Was? Ich glaubte in dem Moment, sie sei immer noch irritiert, dass ich weinte…

<<Wir haben gar keine Luftballons mehr, Mama! Wir müssen dann unbedingt welche kaufen!>>
<<Das ist eine großartige Idee, mein Schatz! So werden wir das machen…!>>

Ich habe mich wieder gefangen. Sie sich auch. Aber ich mache mir Gedanken. Muss eine Dreijährige sich wirklich darüber den Kopf zerbrechen? Wie antwortet man ‘richtig’? So ehrlich wie nötig und so beschützend wie möglich? Irgendwie ein schwieriges Thema.

8 Kommentare on Mama, warum weinst du? – Gedanken einer Dreijährigen über’s Sterben

  1. Darlene
    27/03/2014 at 08:19 (6 Jahren ago)

    Sehr ergreifend! Ich bin jetzt 20 und Mama einer 6 Monate alten Tochter, und fürchte mich auch vor diesen Gesprächen.<br />Als ich 3 war, habe ich auch schon darüber nachgedacht. Für mich war aber schon immer nach dem Tod die leere, als würde man schlafen. Man denkt nicht, man träumt nicht, einfach nichts. Und das machte mir Angst. Bis heute. Auch heute noch liege ich abends im bett und denke

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  2. baka
    27/03/2014 at 20:19 (6 Jahren ago)

    Liebe Jessi…<br />leider weisst du ja, dass wir unser Hannah gehen lassen mussten..<br />unser Kleiner versteht die Welt auch nicht..<br />so wie viele Freunde aus dem Kiga nicht…<br /><br />ich finde aber diese kindlichen Gedanken, wie dann nehmen wir uns einen Luftballon und fliegen hoch, immer so toll..<br /><br />es gibt auch so schöne Kinderstorys in Bezug auf dem Tod meiner Tochter: In

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  3. Secondlifemama
    28/03/2014 at 09:55 (6 Jahren ago)

    gott, ich musste so schlucken, als ich das gelesen habe. wie erklärt man einem kind etwas, was man selbst nicht versteht und wovor man selbst auch angst hat. ich drück dich hiermit ganz fest, auch, wenn wir uns nicht kennen.

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  4. Anonymous
    29/03/2014 at 20:58 (6 Jahren ago)

    Jessy, Du schreibst immer so ergreifend, vielen Dank dafür!<br />Falls es Dich beruhigt: im gleichen Alter hatte unsere Große auch eine Phase, in der sie sich sehr fürs Sterben interessiert und mir viele solcher Fragen gestellt hat. Meistens am Bett vorm Einschlafen und ich musste auch oft flüstern, um vor ihr zu verbergen, dass ich weine. Das hat natürlich auch nicht immer geklappt.<br />Ich

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  5. Julia
    09/04/2014 at 19:36 (6 Jahren ago)

    Jessy du hast die Situation sehr gut gemeistert. Die meisten Kinder fangen in diesem Alter an sich mit dem Thema Tod zu beschäftigen, das war bei meinen beiden auch so.<br />Kinder gehen aber viel selbstverständlicher damit um, auch wenn manchmal solche Situationen wie bei euch entstehen. Wir gehen auch regelmäßig zum Grab meiner Omi, obwohl nur unsere Große sich wirklich an sie erinnern kann.

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  6. Anonymous
    08/05/2014 at 20:52 (6 Jahren ago)

    Irgendwoher kenne ich das… mein 4Jähriger Sohn fragte mich als er 3 1/2 Jahre war auch über das Thema sterben (meine Oma war kurz zuvor verstorben und er bekam ja mit das wir sie nicht mehr besuchen konnten) aus.<br />Ich habe ähnlich geantwortet wie du und auch mein Kind hatte ähnliche Gedankengänge wie das mit dem niemals alt werden wollen. Er meinte zu mir: &quot;Ich will nicht das du mal

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  7. Sars
    27/03/2015 at 11:36 (5 Jahren ago)

    Da steigen Tränen auf… Das du dieses Thema gerade jetzt aufgreifst..
    Lina und Cora ihrem Opa geht es gar nicht gut (Lungenkrebs kleinzellig). Momentan ist er wieder in der Klinik mit Lungenentzündung kann nicht mehr aufstehen ..zumindest geht es ihm wieder minimal besser kann wieder etwas reden bleibt etwas länger wach u ist wohl wieder klarer…vor vier Tagen sah es so aus als würde er sehr bald gehen. Wie lange er jetzt noch durch hält weiß natürlich niemand. Und ich habe so wahnsinnig Angst meinen beiden Mädels sagen zu müssen das ihr Opa bald stirbt. So böse es sich anhören mag aber insgeheim hoffe ich das er irgendwann einfach friedlich im Bett ein schläft…sich vorher davon stielt… Sie lieben ihren Opa abgöttisch und ich verzweifel bei dem Gedanken regelmäßig. Sie wissen Opa ist krank und im Krankenhaus…besuchen ihn auch wenn’s ihm relativ gut geht… Und wenn er dann gestorben ist klar dieses Gespräch und die Fragen danach…das gehört dazu und ich werde all ihre Fragen beantworten…aber vorher… Ich weiß nicht. Schwiegermutter hat gesagt das machen wir wenn wir genau wissen er liegt im Sterben. Ich hoffe das uns das erspart bleibt.
    Ich kann das so nachvollziehen wie es dir geht.Ich bin so froh das Lina im Moment nicht mit so Fragen kommt…Ich kämpfe jetzt schon die ganze Zeit Fassung zu bewahren.

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  8. Nicole
    28/03/2015 at 10:09 (5 Jahren ago)

    Bei meiner kleinen dreijährigen Tochter wird auch schon seid Wochen regelmäßig über das Sterben gesprochen.
    Mein Hund hat Leukämie und wir wissen nicht wie lange er noch leben wird
    sicherlich ist es nicht so dramatisch wie wenn ein geliebter Mensch stirbt aber ich glaube., dass es gut für meine Tochter ist das so zu erleben, dass es zum Leben dazu gehört

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