Kann es nicht einfach noch dauern…?

Ich habe in den letzten Tagen oft einen Anlauf genommen, um einen neuen Beitrag zu schreiben. Aber am Ende hab ich es dann doch gelassen, weil ich zu sehr mit mir und dem aufkommenden Gefühlssturm zu kämpfen hatte. Ich wollte weder, dass irgendjemand beim Lesen bedrückt ist und nicht weiß, was er sagen soll, noch wollte ich Dinge schön oder lustig reden, um die Stimmung hoch zu halten. Und dann ist es manchmal einfach besser zu schweigen.

Nachdem mir mit dem Jahreswechsel bewusst wurde, dass in diesem gerade erst begonnenen Jahr, ja sogar wahrscheinlich in diesem Monat unser Baby auf die Welt kommt, wechselte meine bis dahin vorhandene Gelassenheit schlagartig in leichte Panik. Und die steigerte sich Tag für Tag um ein Vielfaches. Ich konnte mich plötzlich immer schwerer gegen all die bösen Gedanken wehren und fragte mich ernsthaft, warum oder besser WIE ich bis hierhin so positiv und gelassen mit der ganzen auf uns zukommenden Situation umgegangen bin. War es Selbstbetrug? Habe ich mir vielleicht die Situation zu schön und einfach und bunt gemalt? Alles Grübeln brachte mich nicht weiter voran, sondern vergrub mich eher Stück für Stück in einen Berg voller Ängste und Zweifel. Was, wenn bei der Entbindung etwas schief läuft? Was, wenn sie im Anschluss feststellen, dass der Herzfehler noch viel schlimmer oder komplexer ist? Was, wenn noch andere Dinge nicht in Ordnung sind? Was, wenn während der Eingriffe etwas schief läuft? Was, wenn wir die Kleine nie mit nach Hause nehmen können? Nackte Angst machte sich breit.

Ich bin nicht wirklich der Mensch, der gern und locker-flockig über seine Emotionen spricht. Schon gar nicht über Ängste oder Sorgen. Müsste ich mich in eine Schublade packen, würde ich vorher wahrscheinlich zerteilt werden. Ein Teil von mir, natürlich nur ein ganz kleiner, würde in der Schublade “sensibel” landen. Ein anderer, nicht wirklich unwesentlicher Teil eher in der Kategorie “abgeklärt und selbstbeherrscht”. Solange ich glaube, die Situation unter Kontrolle zu haben, bin ich die selbstbeherrschte Nüchterne. Mit sich füllender Schublade “sensibel” mutiere ich allerdings schnell zur Überspielerin. Contenance ist alles. Oder eben auch nicht. Neulich sagte jemand zu mir, ich solle doch bitte diese verdammte Selbstbeherrschung ablegen und mich einfach mal meiner Angst stellen. Aha. Meine eigene Betriebsanleitung hatte ich zu jenem Zeitpunkt leider nicht zur Hand.
Aber ich habe zumindest über diese Option nachgedacht und habe es letztendlich getan. Anfang der Woche, gestern und mit diesem Beitrag auch hier und jetzt.

Anfang der Woche griff ich abends zum Telefonhöhrer und tätigte einen Anruf, den ich aus Angst schon sehr lange, im Grunde viel zu lange vor mir her schob. Der ganze Weihnachtstrubel kam mir da sehr gelegen, denn es ergab sich schlichtweg keine Gelegenheit zum Telefonieren.
Durch diesen Blog und über gute Bekannte lernte ich eine Familie kennen, deren heute 17-Jährige Tochter einen ähnlichen, zumindest auch die Trikuspidalklappe betreffenden Herzfehler hat(te). Wir mailten erst nur, aber ich hatte so viele Fragen, die am Telefon einfacher zu beantworten waren. Nur ist reden bei weitem nicht so einfach wie schreiben. Und auch wenn ich gern und viel und gut reden kann – sobald es um Emotionen und Ängste geht, fehlen mir dann oft die Worte. Ihr kennt das: Im Kopf sprudeln die Gedanken, aber keiner davon findet den Weg, ausgesprochen zu werden. Doch in dem Moment, als in mir wieder die panische Angst hochkroch, tat ich das, worüber ich eigentlich selbst staunte: Ich rief die Familie an!
Tini und Stefan, falls ihr das hier lest – Danke für die 1,5 Stunden! Ich fand das Telefonat sehr beruhigend. Es ging mir erstaunlich gut danach. Und es hat mir Mut und Hoffnung gemacht, zumindest für den Moment, die Nacht und den kommenden Morgen.

Und trotzdem war es, wie es immer ist: Nach einem Hoch an gefühlter Euphorie, folgt ein Tief. Und das wartete natürlich am nächsten Tag hinterlistig auf sein argloses Opfer. Ein neuer Gedanke war da: Wie lange werden wir mit der permanenten Angst leben müssen, bevor es “gut” ist? Werden wir das als Familie schaffen? Wie soll ICH das nur schaffen, wenn sich die nächsten Jahre alles um den Herzfehler dreht? Dreht man da nicht irgendwann durch? Und überhaupt: Wieviel Zeit bleibt mir noch, all das zu machen, was ich gern mache und wozu ich dann lange, lange Zeit nicht mehr kommen werde? Panik made by myself!
Ich fing an zu nähen. Wollte dem Gefühl irgendwie durch was schönes entgegenwirken, mich durch Ablenkung aus dem Gedankenkarussel katapultieren. Aber meine neurotische Seite hatte ein neues Lieblingsproblem: Torschlusspanik! Hilfe, ich bin noch gar nicht bereit für den Startschuss! Diese Schwangerschaft ist wirklich anstrengend, mental kräftezehrend und seit einigen Wochen auch körperlich. Ich mache 3 Kreuze, wenn das alles hinter mir liegt. Aber kann es nicht noch bitte, bitte eine ganze, sehr lange Weile dauern? Vielleicht genau so lange, bis ich mich bereit dazu fühle das alles anzugehen? Nur noch ein klitzekleiner Moment das gewohnte Leben?

Gestern stellte ich mich dann einer weiteren Angst: Wir haben im Krankenhaus die Neugeborenen-Intensivstation besichtigt und uns von der Elternberatung noch mal alles haargenau erklären lassen. Ich kann gar nicht sagen wie es war. Ich schwankte zwischen dem Drang gleich in Tränen ausbrechen zu müssen, weil die Frau ziemlich unverblümt unsere, MEINE Ängste formulierte und stiller Beruhigung, weil ihre Art mit uns zu sprechen und die Dinge, die sie uns erklärte so viel Mut und Sicherheit gaben. Tatsächlich haben mir nicht mal die ganzen Monitore, Verkabelungen und winzig kleinen Neugeborenen in den Brutkästen Angst gemacht. Die Begegnung gestern tat gut, auch wenn es im Vorfeld sehr unbequem war, sich dem zu stellen. Es hat mir bzw. uns noch mal ein großes Stück Angst genommen. Und ich bin seitdem zumindest auch ein kleines Stück mehr bereit, dass es losgehen kann. Vielleicht nicht gerade heute, diese oder nächste Woche… Aber ich nähere mich mit langsamen Schritten dem “Packen wir es endlich an… Augen zu und durch!”.

Und hier die Ergebnisse meines Näh-Ablenkungsmanövers!

6 Kommentare on Kann es nicht einfach noch dauern…?

  1. Anonymous
    10/01/2014 at 18:40 (6 Jahren ago)

    Ach Manno, zusehen und nicht helfen können ist auch Schei… <br />Wir denken an Euch 3,lieben Gruss von A und A

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  2. Mama
    11/01/2014 at 09:28 (6 Jahren ago)

    Ach Jessy…mir geht es genau SO…ich drück dich…lass uns einfach glauben und hoffen, dass alles gut geht.<br />Die neue kleine Maus ist sooo stark…und wir sind es auch. Versprochen. Deine Mama

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  3. KRAEHE
    13/01/2014 at 11:36 (6 Jahren ago)

    Ich packe ein Päckchen mit aller Stärke, Zuversicht und good vibratons die ich gerade übrig hab und sende es dir und euch! Die kleine Maus wird es gut machen und ihr auch! :)<br />Ganz liebe Grüße<br />Mel (&amp;Familie)

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  4. Mama arbeitet
    14/01/2014 at 07:31 (6 Jahren ago)

    Alles Liebe und Gute für dich. Und das Baby. Ich hoffe, nach der Geburt von dir zu lesen – es wird sicher anstrengend, und vielleicht hast du nicht viel Zeit zum Schreiben. Aber das kann ja auch ein Ventil sein…<br /><br />Herzlichen Gruss, Christine

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  5. Silke Plagge
    14/01/2014 at 07:57 (6 Jahren ago)

    Ich denke an euch und wünsche alles, alles Gute. Deine Kunstwerke sind wirklich gelungen (habe hier auch einen kleinen Eulen-Fan). Liebe Grüße, Silke

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