Worte einer Mutter an ihr ungeborenes Kind

Mein kleiner Engel,

lange dauert es nicht mehr, bis du endlich bei uns bist. Und ich muss dir ganz ehrlich gestehen, dass der Gedanke daran ein Wechselbad der Gefühle in mir auslöst. Nein, einen ganzen Sturm sogar.
Weißt du, dich dürfte es eigentlich – so rein statistisch und medizinisch betrachtet – gar nicht geben. Du hast dich einfach in unser Leben geschlichen, still und leise und so überraschend! Ein Wunder! Mehr als ein 6er im Lotto (zumindest statistisch…). Ich hatte vom ersten Tag an diese stille, heimliche Freude in mir. Diesen magischen Zauber einer Frau, die etwas weiß, was bisher niemand sonst ahnt. Und trotz eines holprigen Starts (das gehört bei meinen Schwangerschaften wohl dazu…) hatte ich, anders als bei deiner großen Schwester, ein positives, beruhigendes Urvertrauen, dass in dieser Schwangerschaft alles gut gehen wird. Ich war ruhig, ausgeglichen (ok, mir war die ersten Wochen ziemlich übel und ich dadurch manchmal gar nicht so ausgeglichen…) und wollte einfach alles in Ruhe auf mich zukommen lassen. Es hat mich selbst erstaunt, wie oder besser wer ich plötzlich war. Ich ruhte in mir, dachte darüber nach, nur die nötigen Untersuchungen machen zu lassen, fand den Gedanken an eine Haus- oder zumindest Geburtshausgeburt gar nicht so schlecht und hatte einfach – warum auch immer – keine Angst, dass etwas passieren oder nicht stimmen könnte. Ich frage mich heute noch manchmal, warum das so war, woher dieses Urvertrauen kam. Denn es kam ja doch alles anders. In der 22. Schwangerschaftswoche erfuhren wir von deinem Herzfehler und plötzlich war nichts mehr, wie es einmal war. Ein Verdacht. Viele Untersuchungen. Spekulationen. Diagnosen. Die Möglichkeit, die Schwangerschaft zu beenden. Frau R., wir möchten Ihnen nochmals sagen, dass Sie nicht allein sind und Sie jederzeit jede Entscheidung treffen können, die Sie wollen… Dieses “Angebot” der Ärzte brannte sich in meinen Kopf…

Ich weiß gar nicht mehr, wieviele Tage und Nächte ich geweint habe. Ich hatte mich schon von dir verabschiedet, wollte den einfachsten und trotzdem schwersten Weg gehen und die Schwangerschaft beenden. Ich hasste plötzlich diese Schwangerschaft, wollte nicht, dass mein Körper von Tag zu Tag mehr Rundungen annimmt. Ich wollte keine weitere Bindung zu dir aufbauen, habe meinen Bauch nicht mehr gestreichelt, aus Angst dass alles umsonst war. Ich wollte einfach nur raus. Raus aus diesem Gedankenkarussel. Raus aus der Angst und raus aus dieser Schwangerschaft. Ich schäme mich heute dafür, dass ich diese Gedanken hatte, dass mich die Warterei, die Unwissenheit so mürbe gemacht hat, dass ich überhaupt so weit denken konnte. Erst als man uns sagte, dass du zumindest genetisch gesund bist, wachte ich wieder aus meinem tranceartigen Zustand auf. Es waren Wochen – 3? 4? – ehe wir einen ersten Fahrplan bekamen und uns zum ersten Mal gesagt wurde, dass es sich lohnen würde, weil die Prognosen sehr gut seien. Gott, wie sich das anhört… Prognosen…

Es folgten Wochen voll mit Arztterminen, Kontrollen, Pseudovorsorgen. Ja, es war teilweise wirklich interessant, wie lapidar Vorsorgen gemacht werden, wenn man ja ein paar Tage später sowieso noch zum Spezialisten muss. Das Netz an Spezialisten war, wie damals in der 22. Woche von den Ärzten versprochen, gut und sicher gespannt. Es gab Sicherheit. Und für mich noch wichtiger: Die Sicherheit, aber auch die viele Zeit, die mir noch blieb, brachte die Gewöhnung mit sich. Schritt für Schritt habe ich gegen meine Angst ankämpfen können und war einfach wieder “nur” schwanger.

Und nun ist diese ambivalente Schwangerschaft mit dir fast vorbei. Ich will nicht im Ansatz behaupten, dass ich meine Angst im Griff hätte. Im Gegenteil. Sie schlägt meistens dann hinterhältig zu, wenn ich mich sicher und stark genug fühle, langsam einen Schritt vor den anderen zu setzen.

Ich bin froh, dass diese Schwangerschaft bald endet, weil sie mich wirklich Kraft gekostet hat.
Aber ich bin auch genauso traurig, weil ich weiß, wie leer sich ein Bauch anfühlt, in dem noch wenige Stunden zuvor wildes Gerumpel war.

Ich bin dankbar, für jede Bewegung, die ich noch von dir spüren darf, weil ich mich sehr oft wehmütig frage, ob das vielleicht die letzte Schwangerschaft ist.

Ich habe unendlich große Angst vor dem Unbekannten, was auf uns zu kommt. Und noch vielmehr, dich zu verlieren…

Aber ich freue mich so sehr dich endlich kennenzulernen! Und dieses Gefühl überwiegt. Ja, ich kann es kaum erwarten…

Ich bin gespannt, wie du aussiehst, riechst, dich anfühlst.

Aber es macht mich auch traurig nicht zu wissen, wann ich dich das erste Mal halten darf. Du wirst geboren, mit etwas Glück darf ich dich noch sehen, aber halten darf ich dich wohl erst, wenn du auf die Intensivstation gebracht wurdest.

Ich frage mich, wann es endlich losgeht…
Und verdammt, das fragen mich ziemlich viele im Moment…

Diese Warterei nervt. Die Nachfragen im übrigen auch. Ich weiß, es ist lieb gemeint. Aber ich bin angespannt. Und ich würde gern weglaufen. Oder zumindest allein mit mir sein.
Deine große Schwester war zu dem Zeitpunkt der Schwangerschaft schon wenige Stunden alt und lag friedlich in meinem Arm.
Wer hätte gedacht, dass ich mit dir weiter komme? Und das, wo ich die letzten Wochen immer wieder Wehen hatte.

Du bist ganz anders als deine Schwester, sorgst schon vom allerersten Tag für Spannung und Überraschung, bist immer in Bewegung und hast schon im Bauch deinen ganz eigenen Kopf!

Mein kleiner Engel, bald, ganz bald sogar beginnt die Zeit, in der ich dich nicht mehr in meinem Bauch beschützen kann, sondern darauf vertrauen muss, dass du das schaffst. Dass wir das schaffen.

Ich habe dich schon heute unendlich doll lieb! Und ich habe ein gutes Gefühl. Aber trotzdem wahnsinnig viel Angst…

3 Kommentare on Worte einer Mutter an ihr ungeborenes Kind

  1. Anonymous
    23/01/2014 at 10:23 (6 Jahren ago)

    viel Glück

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  2. Anonymous
    25/01/2014 at 22:32 (6 Jahren ago)

    Schnief, Du schreibst So wunderschön liebe Jessy. Ich wünsche Euch alles Glück der Welt.

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  3. Anonymous
    25/01/2014 at 23:04 (6 Jahren ago)

    Liebe jessi Viel Glück und alles gute. Es wird eine harte Zeit aber ihr seit in den besten Händen. Ich kann deine Gedanken sehr gut nachempfinden. Unser Sohn heute 2 Jahre und 3 Monate hat sich mit seinem Herzfehler und seiner seltenen, Bis vor kurzem uns unbekannten anämie, ins Leben gekämpft bei einem geburtsgewicht von 1760g. Er entwickelt sich prächtig. Kopf hoch.

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