Gastartikel: Adventsrealität und Alltagszauber

Heute schreibt Michelle bei mir. Sie ist Fotografin und schreibt das Blog Kamikazefliege. Und natürlich ist sie Mutter. Und sie war auch einmal das Kind, welches Weihnachten liebte, welches von dem geheimnisvollen Zauber begeistert war, die geselligen Zusammenkünfte der Familie genoss. Genau wie ich, fragt sie sich heute, wann dieser Zauber verloren ging oder ob die Organisation rund um Weihnachten auch damals schon so kompliziert war, wir es als Kinder nur einfach nicht mitbekommen haben.
Nehmt euch einen Moment Zeit und taucht hinab in diesen wunderschönen Beitrag. Ich verspreche euch, dass ihr an eure eigene Kindheit denken werdet!

Hach, warmer Apfelpunsch, Mandelduft, glitzernde Lichter, Crêpes mit Nutella, kuschlige Winterjacken. Dekoration rauskramen und mit Weihnachtsmusik und Plätzchenduft in der Nase die Wohnung verzaubern.

So romantisch! So toll! Ich will mit meinem Sohn auf Weihnachtsmärkte, zu den Cola Weihnachtstrucks, Lebkuchen essen und Plätzchen backen! Vergiss die lauschigen Abende auf dem Sofa bei Kerzenschein und kuscheligen Geschichten nicht! Hach, Adventszeit, was freu ich mich! Dieses Jahr mache ich alle Geschenke selbst, rechtzeitig…!

Ich liebe Weihnachten. Als Kind, ich hatte zwar die Sache mit dem Christkind längst durchschaut, liebte aber dennoch die wunderbaren Lügengeschichten meines Opas vom klingelnden Christkindle und wie er sich immer weiter verstrickte, das Christkind sei geraaade so abgehauen und leider habe ich es um Sekundenbruchteile verpasst… Mensch, war Weihnachten aufregend. Man wartete wochenlang bis es endlich so weit war und verstand die ganzen Erwachsenen nicht, die etwas von “Stress” und “die Zeit vergeht so schnell” zueinander sagten. Die Zeit verging überhaupt nicht! Und war es dann doch endlich so weit, dann durfte ich den Weihnachtsbaum bei meinen Großeltern mit uralten Holzfiguren schmücken, die in alten Keksdosen im Keller gestapelt waren. Ich zog die schicksten Klamotten an und durfte alte schwarzweißfilme schauen, bis die Familie gekocht hatte und man sich gemütlich zusammensetzte. Ich fuhr mit frisch ausgepackten Fahrrädern um den Esstisch und hörte meiner Uroma bei alten Geschichten zu. Spät Abends wurde die verstaubte Super 8 Kamera aus dem Keller geholt, eine muffige Leinwand ausgerollt und zwischen viel “das geht bestimmt noch” und Sofas zurechtrücken wurden vergilbte, tonlose Urlaubsfilme von surrenden Rollen abgespielt, aus einer Zeit, zu der man noch lange nicht an mich dachte. Ich mochte es, alle so vereint zu wissen und an ihrem alten Leben teil zu haben, alle waren selig und ich am allermeisten.

Einen Baum gibt es bei meinen Großeltern nicht mehr, weil ich irgendwann aufhörte, klein zu sein. Auch die Keksdosen gibt es nicht mehr, so gerne hätte ich diesen brüchigen, staubigen Schmuck behalten. Keiner weiß, wo er hin ist, genauso wie der ganze Zauber um Weihnachten. Es ist nicht so, dass ich nicht mehr darauf stehen würde. Im Gegenteil. Ich wurde älter und die Familie dachte, Weihnachten sei nicht mehr so wichtig. Man könne ja auch anderwann nett zusammensitzen (nur tat man das doch nie in der Form) und man ging stattdessen ohne die Großeltern Skifahren, aß Lachs im  Wohnwagen oder Gambas in Spanien, man versuchte irgendwie anders zu sein, keiner in der Familie wollte spießig sein. Warum, habe ich nie und bis heute nicht verstanden, und ich vermisse das Zusammensitzen um den großen Holztisch (den es noch immer gibt) vor dem Kamin bei meinen Großeltern doch ziemlich.

Ein Glück ist auch meinem Mann ebenso ein harmoniebedürftiger Familienmensch. Auch ihm ist Weihnachten ganz wichtig, und es ist völlig außer Frage, dass das mit der Familie verbracht wird. Ich bin sehr froh, nun eine eigene kleine Familie zu haben, in der wir Traditionen erschaffen können, und hoffen, dass wir auch in 50 Jahren noch mit unserem Sohn Weihnachten verbringen dürfen. Also hülle ich mich schon im November in eine Wolke Vorstellungen von Plätzchenduft, Lebkuchenhäusern, Geschenkpapieren und den Gedanken an Weihnachtskarten und auf der Suche nach dem tollsten Schneespray für die Fenster. Lebkuchen wird erst am dem 1. Advent gekauft, so dass es etwas Besonderes bleibt. Ich stelle mir vor, alles rechtzeitig zu erledigen, besonders originelle und liebevolle Geschenke will ich machen und wenig Stress, wenig Kommerz.

Tja und dann? Meine Kunden  wünschen sich auch besondere Geschenke und rennen mir die Tür ein. Zwischen dem 1. und dem 3. Advent komme ich kaum zum Luft holen. Die Dekoration klatsche ich an einem Abend irgendwie mit Tesa fest, denn ich weiß schon, dass ich die nächsten Tage nicht dazu komme. Ich fotografiere weihnachtlich angezogene Kinder, die mich schüchtern mit großen Augen fragend anlächeln, und das im Akkord. Das eigene könnte in der Zeit theoretisch auch gleich bei den Omas einziehen. Zwischen Kind zur Oma fahren und abholen bleibt noch genug Zeit, Heiligabend und die einzelnen Vorlieben beim Essen zu diskutieren. Ich denke, da bleibt auch später noch Zeit, wenn ich weniger Arbeit habe, und außerdem muss ich noch Plätzchen backen, Geschenkideen suchen, Geschenke herstellen und huch, da ist schon wieder ein neuer Fotoauftrag, klar, nehme ich an, ich will ja alle Leute glücklich machen!

Schwupps ist der 3. Advent, ich war ein mal nach einem Auftrag auf einem Weihnachtsmarkt, der eher schlecht als recht bestückt war, viel zu warm war es dort, und ich ließ dort das Kind geduldig 3x Karussell fahren um mein gestresstes blutendes Mama-Harmonie-Weihnachtsherz zu beschwichtigen. Meine Geschenke habe ich über diverse Amazon Wunschzettel gekauft, und eine selbstgebastelte Kleinigkeit zwar von Herzen bedacht, aber zeitlich noch hopplahopp nach dem Kriterium “originell, aber wenig zeitaufwändig” erstellt, und zwar ehe Ende statt Anfang Dezember, und Zeit zum selbst basteln hatte ich keine. In der Familie gab es Diskussion, ob man lieber essen geht, um den nervigen unerzogenen hyperaktiven Hund nicht zu verärgern, und ob im Salatdressing vom Restaurant Zucker enthalten ist, und ob man deswegen nicht doch lieber selbst kocht, was allerdings auch nichts vereinfacht. Es gab schon 4 Varianten, wer wo und warum wohin zum essen gehen sollte, wer uns wann sehen kann und wann nicht, und wie wir 4 Konstellationen an 3 Tagen hin bekommen sollen, ob die eine von der anderen Zusammenkunft wissen sollte oder dann traurig wäre, keinen Tag davon sind wir hier, bei uns zuhause… und ich frage mich, ob das auch damals schon so kompliziert war, ich es nur einfach nicht mit bekommen habe.

Nun ist der 3. Advent vorübe rund ich habe mir, uns, Ruhe verordnet. Zwischen dem 3. und 4. Advent gibt es einen Zwangsjahrmarktbesuch für mich und das Kind, denn nächste Woche ist alles schon wieder abgebaut und es gehört dazu. Also schiebe ich uns durch Bratwursttriefende, vorbei an Glühweinlaunen und Zuckerapfelklebenden. Abends bin ich froh, wieder zuhause zu sein und freue mich auf “die ruhigen Feiertage”.

Ich träume von einem Weihnachtsessen. Einem. An dem alle versammelt sind, die mit uns zu tun haben. uns wichtig sind, denen Ben wichtig ist. In unserer Wohnung gibt es dafür schonmal keine Möglichkeit, es sei denn, man setzte alle in den Flur und ins Treppenhaus auf einem sehr schmalen Biertisch. Davon mal abgesehen möchte der eine nicht mit dem anderen und der nochmal andere das Haus generell nicht mehr verlassen und nein, man bekommt sie einfach nicht unter einen Hut. Das ist so schade und ich wünschte, das wäre anders. So, wie man es in schnulzigen Filmen sieht, oder kitschigen Serien.

Aber es ist Weihnachten, und nachdem ich alle Kunden glücklich machen konnte und mich in eine selbstauferlegte Bilderpause begeben habe, nach unserem Zwangsplätzchenbacken abends um 21 Uhr (denn ich habe überraschend Zeit und das Kind ist gut gelaunt und will eh noch nicht schlafen), unserem gestressten, überhitztem Metro-Großeinkauf fürs Weihnachtsessen, nachdem DHL die allerletzten, fast vergessenen Geschenkchen rechtzeitig liefern wird  (Mist, was schenke ich eigentlich meinem lieben Boten, der mir immer so offen von seinen Nierensteinen und Enkeln berichtet?!) werden wir mit 4 Familienkonstellationen an 6 Tischen sitzen, ich werde der Meinung sein, viel zu wenig geschenkt zu haben, und wir werden uns danach schwören, nie wieder etwas zu essen und kugelrund, aber glücklich, auf nächstes Jahr freuen.

Aber dann werde ich rechtzeitig super einfallsreiche Dekorationen basteln, uns ganz viel Ruhe gönnen, den ganzen Tag backen und Schlitten fahren. Bestimmt…

2 Kommentare on Gastartikel: Adventsrealität und Alltagszauber

  1. Katarina
    18/12/2014 at 14:44 (5 Jahren ago)

    Wundervoller Artikel Michelle! Einfach ganz wundervoll! (Und ich frage mich, ob man früher sich "für Weihnachten" zusammengerissen hat und an einen Tisch kam, oder ob man als Kind die Streiterrein und das "ich will aber nicht mit dem und dem" einfach nicht mitbekommen hat.

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    • Kami
      19/12/2014 at 09:55 (5 Jahren ago)

      vielen Dank Katarina. Ja, das frage ich mich auch, aber ich glaube, es war wohl eine Mischung aus beidem. Man hat es nicht so wahrgenommen, und es war noch nicht so verworren…

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