Mach’s gut Hannes!

Lieber Hannes!

Ich sitze gerade da, wo ich gestern Morgen auch saß. Wo ich um Viertel nach 7 Twitter öffnete und deinen Tweet las.

Ich klickte auf den Link. Las. Begriff. Begann zu zittern. Und zu weinen. Ich begriff noch mehr und wählte um 7:20 Uhr die Nummer der Bochumer Polizei. Sie sagte, sie würden einen Streifenwagen zu dir nach Hause schicken. Ich legte auf und weinte weiter. Kurz war ich beruhigt, voller Hoffnung. „Nein, das macht Hannes nicht!“ Doch dann wich meine Hoffnung einer ganz schlimmen Ahnung. Der Hannes, den ich kannte, war klug und überließ nichts dem Zufall. Dein Facebook- und Instagram-Profil war gelöscht. Weißt du Hannes, ich hab ein paar Mal versucht, dich anzurufen. Völlig irrational. Und während des Freizeichens betete ich innerlich, dass du einfach abnehmen würdest, ich deine Stimme höre und mir vorkomme, wie der letzte Idiot, weil ich mir solche Sorgen um dich machte, und wir anschließend gemeinsam drüber lachen. Ich habe dir Nachrichten geschickt, dass du dich melden sollst. Dass die Sorge um dich unerträglich ist. Ich bin mir sicher, dass viele andere das auch taten. Aber instinktiv wusste ich, dass du deinen Abschiedsbrief nicht veröffentlicht hättest, wärst du nicht 100% sicher gewesen, dass dich niemand mehr davon abhalten kann. Du warst nicht der Typ für pathetische Rettungsaktionen in letzter Sekunde. Und doch blitzte immer wieder ein kleiner Funke Hoffnung in mir auf, dass dich dein vermeintlicher Mut am Ende doch verlassen und du dich einfach nur nicht zu melden getraut hast.

Wenn der größte Mut des Lebens darin liegt, es zu beenden, ist man wohl ein feiger Mensch gewesen.

Hannes, du warst mitnichten ein feiger Mensch! Du gehörtest zu den Mutigen unter uns. Du warst es, der damals die Mutmachparade ins Leben rief, der immer ein offenes Ohr für andere hatte und tröstende Worte spendete, wenn die eigene Welt aus den Fugen geriet. Du warst der Erste, der den Menschen immer sofort beiseite stand, sie auffing und unterstützte, selbstlos und immer für das Gute kämpfend. Du warst uns ein Vorbild. Und mir ganz besonders ein Licht in dunklen Stunden.

Nur wenigen hast du anvertraut, wie es dir wirklich ging. Du wolltest niemandem zur Last fallen, dein Bild wahren und hast deine schwersten Kämpfe lieber mit dir allein ausgefochten. Ich war so oft wütend, verzweifelt und habe dich angefleht, dir helfen zu lassen. Für deine Kinder! Diese 2 kleinen, unschuldigen Menschen, die genauso alt sind, wie meine eigenen Kinder. Vielleicht habe ich damit in jenen Momenten alles nur noch schlimmer gemacht. Vielleicht habe ich in meiner Wut auch gemeine Sachen gesagt. Aber ich wollte dir nur sagen, zeigen, beweisen, wie sehr du geliebt und geschätzt und gebraucht wirst!

Als wir uns im März zum letzten Mal in Berlin getroffen haben, bat ich dich, dass wir ein Bild zusammen machen. Du wolltest es unbedingt sehen, denn du warst verdammt kritisch und streng mit dir selbst. Aber du mochtest das Foto. Du hast sogar ein wenig gelächelt, was du auf Bildern selten tatest! Wir sprachen davon, wann, nein DASS wir uns wiedersehen würden, um ein neues Bild bei Tageslicht zu machen. Wir lachten zusammen, waren schonungslos ehrlich zueinander und redeten über all die kleinen Puzzleteile unseres Lebens, die wir miteinander austauschten. Und weißt du Hannes, auf dem Heimweg hatte ich eine beschissene Angst, dass dies das einzige Bild von uns bleiben würde… Und ich war zu feige, dir das zu sagen.

Als ich gestern Mittag, nach quälend langen Stunden voller Sorge und Angst las, dass man dich tot aufgefunden hat, nachdem du verzweifelt gesucht wurdest, nachdem eine Welle voll Liebe, Mut und Hoffnung durch das Netz ging, blieb diese Welt plötzlich stehen. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Die Vorstellung, dass du einfach weg bist, ich dir nie wieder schreiben und mit dir über das Leben reden kann, dich nie wieder in den Arm nehmen kann, ist so absurd. Es ist so unbegreiflich, obwohl ich dich verstehe, dich immer in dem kleinen Puzzleteil, das du bereit warst von dir preiszugeben, verstanden habe. „Schön, dass es dich gibt!“ – Hast du mir so oft gesagt. „Schön, dass es DICH gibt!“ hab ich immer geantwortet. Aber es hat nicht gereicht.

Johannes Korten

Du hast dich entschieden. Hast das Leben nicht mehr ertragen. Es war deine Wahl, deine Entscheidung, von der dich niemand mehr abbringen konnte, auch wenn jeder von uns bereit war, dir den Weg zu leuchten.

Was bleibt, ist die Leere und unendliche Traurigkeit. Aber auch Dankbarkeit, dass sich unsere Wege kreuzten und wir ein Stück gemeinsam gingen. Und vergessen wird dich niemand von uns! Jemals. Aus Gründen.

Ich wünsche deinen Liebsten, dass sie nicht allein sind. Dass sie jemanden haben, der ihnen in diesen dunklen Stunden den Weg leuchtet. Du warst ein einzigartiger und toller Mensch!

Schön, dass es dich gab!

 

 

4 Kommentare on Mach’s gut Hannes!

  1. Claudia
    26/07/2016 at 07:14 (1 Jahr ago)

    Danke für diesen wunderbaren Text. Ich kannte Hannes „nur“ aus dem Netz, aber er war irgendwie immer da, einer der ersten, dessen Blog ich verfolgt habe..
    Ich hoffe,dass genug Menschen jetztseine Familie auffangen uns weitertragen..

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  2. Kiki
    26/07/2016 at 14:48 (1 Jahr ago)

    Der tag danach scheint noch leerer zu sein als der gestrige Tag. Ich denke, die volle Wucht des Begreifens, was uns da fehlt, wird erst sehr viel später einsetzen. Ich habe heute sehr geweint um den Mann, der die ganze Welt liebte, aber sich selbst nicht genügend.
    Danke für Deine Worte und geteilten Erinnerungen.

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  3. Melanie
    29/07/2016 at 09:25 (1 Jahr ago)

    Danke für diese wunderbaren warmen Worte! Ich bin noch immer fassungslos. Und werde es wohl auch noch lange sein.

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