Von den Sorgen ein Flugzeug zu betreten

Eigentlich wollte ich mich zum Flugzeugabsturz von Germanwingsflug 4U9525 an dieser Stelle nicht öffentlich äußern. Allerdings waren meine persönlichen letzten 20 Stunden geprägt von Ereignissen, die lähmend und beängstigend zugleich waren, die mich wütend machten und meinen Instinkt wachrüttelten.

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Ein jeder von uns weiß, was vergangenen Dienstag passiert ist. Und ein jeder von uns hat mehr oder minder die Berichterstattungen verfolgt. Verfolgen müssen trifft es eher. Ich will inhaltlich gar nicht auf irgendeine These oder Quelle eingehen. In Deutschland gilt nach wie vor das Unschuldsprinzip. Solange eine Schuld nicht bewiesen ist, sollte, nein darf niemand an den Pranger gestellt werden. Mögen die Hinweise noch so erdrückend und lähmend seien. Auch wenn es am einfachsten erscheint, schnell einen Schuldigen zu finden: Auch dieser Mensch hat Hinterbliebene, die trauern und fassungslos sind.

Ich habe in den letzten Tagen oft darüber nachgedacht, was dieses Unglück mit uns Menschen anstellt. Mit uns in der Rolle als Passagier eines Flugzeuges. Ob es unser Denken und Handeln verändert, ob wir vielleicht ängstlicher in ein Flugzeug steigen werden. Nicht zuletzt, weil ich selbst eine Stunde vor dem Absturz einen Flug gebucht hatte.
Bis gestern war ich der festen Überzeugung, dass mich das Unglück des Germanwingsfluges 4U9525 zwar traurig und fassungslos macht, mein Verstand aber klar genug ist, um weiterhin zu wissen, dass Fliegen die sicherste Fortbewegungsmethode ist. Am Ende wollen wir doch alle abends wieder sicher bei unseren Familien ankommen.

So etwas wie vergangene Woche wird hoffentlich nicht mehr passieren. Vielleicht oder gerade weil nun jeder noch sensibilisierter und vorsichtiger ist. Glaubte ich.
Und dann sollte gestern meine Mama in ein Flugzeug steigen. Weder bei ihr noch bei uns gab es Zweifel. Ihr Flug sollte um 17:50 Uhr in Berlin Tegel abheben.

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Bereits bei der Abfertigung gab es technische Probleme: Die Passagiere wurden auf ausgedruckten Zetteln abgehakt. Ok, ein Grund zum Stirnrunzeln, aber kein Grund zur Sorge. Kommt eben mal vor. Dann rollte die Maschine mit deutlicher Verspätung vor das Gate und wurde in den folgenden 4 (!) Stunden untersucht. Die Bundespolizei kam hinzu, Techniker machten sich am Flugzeug zu schaffen. Die Passagiere wurden unruhig, unsicher, doch weder die Flughafenmitarbeiter noch jemand von der Fluggesellschaft gaben Auskünfte. Gegen 21 Uhr wurde der Flug endlich annulliert und schriftliche Bestätigungen darüber ausgeteilt. Aufatmen bei den Passagieren und auch bei uns zu Hause, die die ganze Zeit über Handy auf dem Laufenden gehalten wurden. Mein Instinkt lief mittlerweile Amok. Vielleicht wegen der ganzen Bilder und reißerischen Berichterstattungen der letzten Tage, vielleicht aber auch einfach nur, weil ich wusste, dass dort etwas nicht stimmte.

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Anstatt nach Hause fahren zu dürfen, mussten die Passagiere allerdings warten. Warum, sagte ihnen niemand. Wir riefen in Tegel an und fragten, was da los sei. Da war es 21:30 Uhr. Und dann die unangenehme Überraschung: Die Maschine sollte nun doch um 22 Uhr abheben. Ich informierte meine Mama, die davon noch nichts wusste. Mein Magen hatte sich mittlerweile ganz eng zusammengezogen und ich versuchte sie verzweifelt davon abzuhalten, in diese Maschine zu steigen.

Und dann schrieb sie mir, dass sie drin säße und dass schon alles gut werden würde. Und ich kam mir einfach nur hilflos vor, weil mein Bauch gar kein gutes Gefühl hatte. Ich hatte furchtbare Angst.

Um 22:11 Uhr habe ich ihr einen guten Flug gewünscht, mich angespannt auf der Couch zusammengerollt und mir immer wieder wie ein Mantra eingeredet, dass alles gut gehen wird. Niemand würde nach dem Vorfall der letzten Woche ein unnötiges Risiko eingehen.
Um 22:51 Uhr schrieb meine Mama, die ich bereits seit 40 Minuten in der Luft vermutete, erneut. Der Kapitän hatte nach 3 erfolglosen Startversuchen, in denen er die Maschine auf dem Rollfeld beschleunigte und wieder abbremste, den Flug endgültig abgebrochen. Ich war fassungslos und erleichtert zugleich. Und wütend, denn selbst da sagte den Passagieren niemand, was wirklich los ist.

Gegen 1 Uhr war meine Mama endlich wieder zu Hause. Bis 4 Uhr saßen und redeten wir und tranken, um die letzten Stunden sacken zu lassen. Und erst dort wurde uns allen bewusst, wie absurd dieser Abend gewesen ist. Meine Mama erzählte, dass es in der Maschine bei jedem Startversuch totenstill war. Niemand traute sich, seine Unsicherheit zu äußern, auszusprechen, dass da augenscheinlich etwas nicht stimmte. Ich kann nur erahnen, was in den Köpfen der Passagiere mit dem Wissen der letzten Tage vorgegangen sein mag. Seitens der Fluggesellschaft wurde bis zuletzt geschwiegen. Es wurde nicht einmal der Versuch unternommen, die verunsicherten Fluggäste zu beruhigen. Das wäre doch das Mindeste gewesen nach den letzten Tagen der Berichterstattungen und den vielen Bildern, die jeder einzelne im Kopf hatte. Stattdessen wurde 3x versucht, eine kaputte Maschine zu starten. Und das ist keine Mutmaßung, sondern traurige Tatsache, wie sich heute Morgen endlich herausstellte. Nicht auszudenken was passiert wäre, hätte der Pilot den Flug nicht abgebrochen.

Wir haben uns gestern noch gefragt, ob man dem Verantwortungsbewusstsein des Piloten dankbar sein sollte. Oder ob er nach 4 Stunden und einer bereits erfolgten schriftlichen Bestätigung über die Annulierung des Fluges gar keinen Versuch hätte unternehmen dürfen, die Maschine trotz technischen Defekts doch zu starten.

Die Passagiere sind heute Morgen noch verunsicherter als gestern zum Flughafen gekommen und um kurz vor 11 Uhr in eine neue Maschine gestiegen, da die gestrige tatsächlich kaputt war. Einige Passagiere erschienen nicht mehr zur vereinbarten Zeit. Überwiegend die mit kleinen Kindern. Absolut verständlich und trotzdem auch bedauerlich, dass so etwas das Ergebnis von derartigen Erlebnissen ist.

Mittlerweile ist meine Mama gut gelandet. Wir sind alle erleichtert, auch wenn ich morgen die nächste bin, die mit einem mulmigen Gefühl in den Flieger steigen wird. Ich versuche rational zu sein. Aber das ist nach der medialen Hetzjagd der letzten Tage und nach dem persönlichen Krimi der letzten Stunden zugegebenermaßen nicht mehr ganz so leicht, wie ich mir das vorgestellt habe.

6 Kommentare on Von den Sorgen ein Flugzeug zu betreten

  1. Vivi
    29/03/2015 at 17:40 (4 Jahren ago)

    Oh da wäre es mir ähnlich gegangen wie dir! Besonders unfassbar, dass mehrfach versucht wurde, trotzdem zu starten!! Gottseidank ist alles gut gegangen! Ich wünsche dir morgen einen ruhigen und sicheren Flug! Alles Gute!

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  2. JesSi ca
    30/03/2015 at 06:03 (4 Jahren ago)

    Oh mein Gott, was um Himmelswillen wurde da nervlich nur mit Euch – vor allem den Passagieren vor Ort – nur angestellt????
    Wir werden diese Jahr zum ersten Mal mit der Kleinen fliegen. Beim Buchen in den letzten Tagen musste auch ich mir immer sagen “Fliegen ist das sicherste Fortbewegungsmittel was wir haben…Fliegen ist….” mein Mann schmunzelte während der Buchung neben mir, aber er kennt mich. …
    Unsere einzige Hoffnung – die Bilder sind bis dahin nicht mehr so allgegenwärtig und wir haben alle wieder ein gefertigters Vertrauen. Dir Bilder kann man wohl nicht mehr ganz vergessen aber in den Hintergrund dürfen sie irgendwann treten.
    Jessika ich hoffe die Menschen hören mehr auf ihr Bauchgefühl und Du landest gut.

    Ich denke an Dich und hoffe auf gute Zeichen der Ladung.
    JesSi Ca

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  3. seinfeld
    30/03/2015 at 12:12 (4 Jahren ago)

    Wir hatten mal vor ein paar Jahren Probleme beim Starten und der Flug wurde auch abgebrochen. Nach 1 Stunde am Rollfeld. Der Pilot stand selber beim Ausgang und hat uns die Hände geschüttelt und sich entschuldigt.

    Komischerweise wurden wir auch stundenlang am Flughafen festgehalten und dann per Bus zu div Hotels gebracht. Übernachtung. Am nächsten Tag sehr, sehr bald in der Früh dann wieder zum Flughafen und es wurde ein Flieger gefunden, der flog. Leider ist es in der Hauptsaison im Sommer sehr schwierig Flieger zu finden, die einen anderen kaputten Flieger ersetzen.

    Aber lieber einen Tag Warten, als ich bin in der Luft und stürze ab…

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  4. Caro
    11/04/2015 at 21:29 (4 Jahren ago)

    Wir saßen auch in der Maschine und es war die Hölle! Herzliche Grüße an deine Mama. Sind am nächsten Tag auch geflogen aber es fiel uns nicht einfach nochmals in ein Flugzeug dieser Airline zu steigen…

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  5. Silke
    19/04/2015 at 08:12 (4 Jahren ago)

    Das hier nochmal zu lesen rüttelt schon wieder an den Nerven. Ich kann das nur bestätigen: es war ein Krimi und ist unfassbar, was da mit uns veranstaltet wurde.
    Warum lässt man uns überhaupt in diese Maschine steigen? Warum muss der Pilot diese Verantwortung übernehmen? Und 3x Starten???
    Wir Passagiere sitzen jetzt zu Hause und schreiben Beschwerden. Ich sitze seit Tagen und versuche einen vernünftigen Text an den Reiseveranstalter zu formulieren, um klar zu machen, was da passiert ist…und die Gedanken über den Ablauf dieser Nacht kreisen…
    An Caro viele Grüße von mir.
    Jessys Mama

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  6. Cathleen
    24/04/2015 at 09:36 (4 Jahren ago)

    Hallo Jessika und Mama, auch für mich war es nochmal aufrüttelnd den Text zu lesen, da mein Freund und ich auch Passagiere waren. Ich wollte mal nachfragen inwiefern deine Mama schon Ansprüche geltend gemacht hat? wir haben Corendon per Einschreiben etwas geschickt, bisher keine Reaktion. Nicht mal eine entschuldigung oder dergleichen. Am schlimmsten ist einfach das Niemand Feingefühl für die Passagiere hatte oder sich im Nachhinein mal erkundigt hat. Auch wir sind am nächsten Tag nach Antalya geflogen, mit einem unangenehmen Gefühl 🙁 Jedenfalls Danke für deinen Blogeintrag, der alle Gefühle und Tatsachen wunderbar zusammenfgefasst hat. Liebe Grüße Cathleen

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