Wie das Internet uns alle täuscht::: Oder: Warum ich nicht mehr schreibe

Morgen jährt sich der Todestag von Johannes Korten zum ersten Mal. Ich bin still geworden seitdem. Still und nachdenklich. Denn ich habe einen Freund verloren. Einen der wenigen Menschen, die mich verstanden haben. Und mit ihm ging ein Stück meines Vertrauens.

Es war ein traumatischer Morgen des 25. Juli 2016. Ich erinnere mich genau, wie ich wach wurde, zum Handy griff, nach neuen Nachrichten schaute und dann Twitter öffnete. „Am Ende…“ schrieb er und verlinkte zu seinem Blog. Ich begriff sofort und wollte es doch nicht wahrhaben. Ich rief ihn an. Mehrfach. Schrieb ihm Nachrichten und alarmierte, wie so viele andere auch, die Polizei. Es vergingen Stunden, in denen ich keinen klaren Gedanken fassen konnte und immer wieder versuchte, mich selbst zu beruhigen. Er würde schon keine Dummheiten machen… Aber es war alles vergebens. Hannes‘ Tod hat mich verändert.

Heute, ein Jahr später, ist kaum ein Tag vergangen, an dem ich nicht an ihn gedacht habe. Er fehlt so oft. Gestern las ich seinen Abschiedsbrief erneut und verstand besser denn je, was er uns damals versuchte mitzuteilen. „Am Ende war ich ein Meister der Tarnung und Täuschung. […] Nun ist sie da. Die finale Ent-Täuschung.“
Ich habe in den letzten Monaten viel über diesen Satz nachdenken müssen und habe mich jedes Mal gefragt, wie ich mich nur so täuschen (lassen) konnte. Ich habe ihm geglaubt. Weil ich ihm vertraut habe. Und es tut unsagbar weh, wenn Vertrauen missbraucht wird. Ja, ich bin enttäuscht. Und doch kann ich sein Handeln verstehen. Nicht, dass er sich umgebracht hat. Dafür habe ich bis heute kein Verständnis. Dennoch verstehe ich, dass er um jeden Preis versucht hat, das Konstrukt aus Lügen und Täuschungen aufrechtzuerhalten. Hannes war krank und hat ein Bild von sich gezeichnet, von dem wohl nur er wirklich wusste, dass es in der Realität nicht existierte. Aber wer hat heutzutage schon den Mut, sein wahres Ich zu zeigen und so zu leben, wie es einen am ehesten glücklich machen würde…?

Nach Hannes‘ Tod habe ich oft gezweifelt, was und wem ich noch glauben kann. In diesem Internet, aber auch im realen Leben. Und es tut mir unsagbar leid, dass ich mit diesen Zweifeln für einige noch anstrengender war, als ich es ohnehin schon bin. Menschen verstellen sich und geben vor, jemand zu sein, der sie nicht sind, nur um den meist selbst auferlegten Konventionen gerecht zu werden. Der Familienvater, der vorgibt bei seiner Frau und seinen Kindern glücklich zu sein und auf Teufel komm raus versucht, diesen Anschein zu wahren. Obwohl sich dieses Leben, diese selbstgewählte Verantwortung schwer bis kaum mit seinen wahren Bedürfnissen und seinem Drang nach Freiheit vereinbaren lässt. Oder die Mutter, die Messias gleich Achtsamkeit und bindungsorientierte Elternschaft predigt, die eigenen Kinder aber tatsächlich gar nicht impfen lässt. Das sind nur 2 von unzähligen Beispielen im täglichen Leben, bei denen Menschen andere täuschen – im realen Leben oder im Internet.

Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr erschien mir so vieles inszeniert. Inklusive meines eigenen Lebens, das ich mit euch geteilt habe oder teile. Ja, richtig gelesen! Ich habe mal in einem Interview gesagt, dass ich sehr darauf achte, was ich von mir preisgebe. ICH entscheide, was ich veröffentliche. Und damit entscheide ich allein, welches Bild, welchen Eindruck die anderen von mir und meinem Leben haben. Und es ist so leicht, seine Mitmenschen zu täuschen. Wenn ich aus 100 Bildern nur dieses eine Bild veröffentliche, auf dem ich lache, denken sie, ich sei glücklich. Von der Existenz der 99 anderen Bilder, geschweige denn dass mir auf denen möglicherweise ganz und gar nicht zum Lachen war, wird nie jemand etwas erfahren. Wenn ich mich inmitten meiner Kinder beim Toben, Spielen oder Kuscheln zeige, suggeriere ich, dass ich die liebevolle Übermutter bin, die es mit dem Rest der Welt aufnehmen kann. Nicht selten werden diese Momente dann mit den Worten „Ihr seid so eine tolle Familie!“, „Du bist so eine starke Frau!“ oder „Toll, wie ihr das gemeinsam schafft!“ kommentiert. Und dann wird mir bewusst, dass ICH selbst diesen Eindruck vermittelt habe und ich fühle mich in dem Augenblick wie eine Betrügerin. Denn alle, die mich in irgendeiner Form in meinem Leben begleiten, egal ob im Internet, beruflich oder privat, glauben dadurch offenbar, mich irgendwie mehr oder weniger gut zu kennen oder einschätzen zu können. Und das fühlt sich nicht richtig an, denn die allermeisten schließen von einem winzigen Ausschnitt meines Lebens auf das große, ganze – ja perfekte – Bild.

Ein Ausflug in meine Instagram-Timeline zum Beispiel zeigt perfekt inszeniertes Essen auf farblich abgestimmtem Geschirr, aufgeräumte, fast steril-saubere Zimmer, ein harmonisches Familienidyll. Logisch, dafür gibt es die meisten Likes, die meisten Follower, wahrscheinlich auch die besten Kooperationen. Ich beherrsch(t)e das auch. Aber es kostet Zeit, so ein Bild zu inszenieren. Im wahrsten Sinne des Wortes. Am Ende ist es eine der vielen Täuschungen in diesem Internet, auf die wir alle jeden Tag reinfallen. Natürlich sage ich nicht, dass jeder per se täuscht oder getäuscht wird. Aber durch Hannes‘ Tod ist mir auf traurige Art und Weise bewusst geworden, dass jeder Mensch das Instrument zur Täuschung in der Hand hält und selbst entscheidet, ob er es einsetzt oder nicht. Und seien wir doch mal ehrlich: Wir alle zeigen doch lieber das Bild der heilen Welt, als dass wir zugeben, Fehler zu haben oder gescheitert zu sein. Ein „Ja, alles ok, mir geht’s gut“ lügt sich leichter, als ein ehrliches „Nein, mir geht es nicht im Ansatz so gut, wie du denkst!“

Mein Leben ist alles andere als perfekt und aufgeräumt. Und ich bin alles andere als diese starke, mutige und glückliche Frau, die ihr so oft bewundert. Ich bin verletzlich und oft voller Selbstzweifel. Ich fühle mehr, als ich manchmal ertragen kann und dann wieder gar nichts, weil es der einzige Weg ist, bestimmte Dinge nicht an mich heranzulassen. Anette Göttlicher schrieb vor einigen Tagen „Dieses Nicht-Fühlen ist schlimmer als das ängstlichste, zweifelndste oder traurigste Viel-Fühlen. Und es gibt ja das Wissen um und die Erinnerung an das Fühlen, das Leben. Was aber in diesen Momenten unerreichbar und unwiederbringlich verloren erscheint.“ Sie spricht mir und wahrscheinlich so vielen anderen aus der Seele. Und dennoch oder gerade deswegen ist es furchtbar erschreckend, wie leicht es ist – online wie offline – eine Realität zu zeichnen, die gar nicht existiert. Vor allem im Internet. Es fühlt sich einfach nicht richtig an. Nicht aufrichtig. Zumindest nicht mehr für mich. Deswegen habe ich aufgehört zu schreiben. Wir sollten alle viel mutiger und aufrichtiger sein. Vor allem zu uns selbst!

 

 

 

12 Kommentare on Wie das Internet uns alle täuscht::: Oder: Warum ich nicht mehr schreibe

  1. Tatjana R.
    24/07/2017 at 19:24 (3 Monaten ago)

    Wahre Worte -ich kann dich verstehen.
    Hatte mich auch schon gewundert, warum ich in 2017 noch nichts von dir gelesen habe.
    Für mich als „stille Leserin“ ist es schade, aber ich kann dich vollkommen verstehen und wünsche dir und deiner Familie Von ?Alles Liebe und Gute. Tatjana

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  2. Petra Hamacher
    24/07/2017 at 20:26 (3 Monaten ago)

    Ich finde diesen Text wahnsinnig traurig.
    Ich für meinen Teil lese heraus, dass Du enttäuscht und frustriert bist über fast die gesamte Menschheit, weil doch alle die Instrumente der Täuschung besitzen.
    Das kann ich verstehen, aber nur bis zu einem gewissen Punkt.

    Liegt es doch an uns, ob wir uns vielleicht mal offener zeigen. Und es liegt noch viel mehr an uns ein ehrliches „wie geht es dir“ und „was genau denkst du denn“ zu fragen!

    Ich habe vor einigen Tagen getwittert, dass ich nicht mehr kann. Für einige mag es auch eine Inszenierung sein, für andere, für die die wirklich (hinter-)fragen, ergab sich ein wahninnig inspirierender Austausch über Gedanken und Gefühle und viele wissen nun, wie ein Mensch mit Burnout-Depressionen denkt!
    Würde ich aufhören zu schreiben, gäbe es das nicht.

    Und was würde dann bleiben?

    Und was würde von denen bleiben, die auf Mißstände aufmerksam machen, die vielleicht mit Absicht einseitig schreiben, als Instrument des Fokusses auf schlecht laufende Dinge? Sie zeigen uns immer und immer wieder, was falsch läuft.

    Als letzten Gedanken hatte ich noch meine nur-offline Freunde vor Augen. Wie oft sehen sie nur die Fassade? Die Nachbarin, die jeden Sa bis zum erbrechen putzt, damit es „schön ist“? Aber wie wertvoll sind mir die Menschen, die mich anrufen und sagen „halt mich“?

    Es geht. Man muss nur hinsehen 🙂

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  3. Clara Lisa
    25/07/2017 at 07:17 (3 Monaten ago)

    Ich kann deine Gedanken so gut verstehen. Vielleicht würde es dir helfen, dich von allen abzuheben und die „WAhrheit“ zu zeigen. Unaufgeräumte Küche und dreckige Kinderkleidung. Vielleicht ein bisschen übertrieben, aber vielelicht weißt du, wie ich es meine. <3 Ich wünsche dir, dass du einfach glücklich bist mit dir selbst und dem, was du hast. Und wenn es sich für dich nicht richtig anfühlt zu schreiben, dann finde ich es genau richtig, dass du es nicht tust. Vielleicht hast du irgendwann wieder Lust und dann mach einfach dein Ding. Ein ganz lieber, ein bisschen trauriger und nachdenklicher Gruß aus Braunschweig, Lisa

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  4. dasnuf
    25/07/2017 at 08:14 (3 Monaten ago)

    Ich denke auch viel an Hannes und ich hoffe, dass viele den heutigen Tag nutzen, um seinen letzten Wunsch nochmal zu lesen und v.a. zu beherzigen.

    Mir ist es deswegen wichtig zu sagen, dass ich deinen Seitenhieb völlig unnötig, fast schon bösartig finde.
    Sowas hat einfach in diesem Kontext nichts zu suchen.

    Er hat sich ein Miteinander – nicht ein Gegeneinander gewünscht.

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    • Jessika
      25/07/2017 at 21:03 (3 Monaten ago)

      Danke Patricia. Ja, vielleicht war es unnötig zu sagen, wie es mir geht. Hannes hat sich ein Miteinander gewünscht. Hannes hat sich aber auch gewünscht aufrichtig zu sein. Sich selbst gegenüber und auch anderen. Ich weiß nicht, ob du die Erfahrung machen musstest, dass ein Mensch, dem du vertraut hast, nicht im Ansatz so existierte, wie er sich gezeigt hat. Oder vielmehr, wie du glaubtest, ihn zu sehen. Ich mache Hannes überhaupt keinen Vorwurf, dass er so gehandelt hat. Dennoch hat es mich zutiefst verletzt und mich verändert. Meine Sichtweise verändert. Ich beobachte das immer häufiger, überall im Internet. Und nein, ich schere nicht alle über einen Kamm. Ich hole auch nicht zum Rundumschlag aus. Ich habe einfach nur meine Gedanken und Gefühle der letzten Monate zusammenfassen wollen. Meine einzige Botschaft war, dass wir alle aufrichtiger sein sollten. Zuallererst uns selbst gegenüber. Und dann gegenüber unseren Mitmenschen. Es fällt leicht zu täuschen. Und es ist verdammt schwer zu erkennen, dass man getäuscht wird.

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      • j.
        25/07/2017 at 21:29 (3 Monaten ago)

        und wie immer beim schnellen kritisieren (hier und auf twitter) – es gibt immer mehr seiten eines themas. und manche kennt man nicht. also sollte man schweigen und akzeptieren, dass es wohl manche menschen gibt, die sehr verletzt worden sind von hannes. die belogen wurden. denen er etwas vorgegaukelt hat. nur, weil er an anderen stellen erfolgreich ein anderes bild von sich zeichnete, heisst es nicht dass die andere, sehr dunkle und sehr verletztende seite, nicht existiert hat. ich habe mich heute auf twitter schon fürchterlich darüber aufgeregt, wie wertend und gemein über diesen blogpost berichtetet wurde – und es schmerzt mich mitzukriegen, dass hier eine dieser von hannes tief verletzten menschen den mut hatte sich zu äussern, und num derartige reaktionen (ohne kenntniss irgendwelcher hintergründe!!) aushalten muss.

        behaltet ihr euer bild, das will hier nicht zerstört oder beschädigt werden. aber gesteht menschen, die offenbar hannes besser kannten zu, dass sie ihre eigenen erfahrungen mit ihm machen mussten.

        (und dir jessika – alles gute. ich verstehe dich von ganzem herzen und du bist nicht alleine.)

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        • Jessika
          26/07/2017 at 08:33 (3 Monaten ago)

          Ich danke dir. Nein, die meisten werden nicht verstehen können, viele von ihnen wohl auch nicht wollen, welche andere Seite Hannes hatte. Müssen sie auch nicht. So lange sie respektieren, dass es Menschen gibt, die leiden.

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  5. Yvi
    25/07/2017 at 16:34 (3 Monaten ago)

    Danke für diesen, auf der einen Seite sehr traurigen, aber emotionalen und ehrlichen Text!

    Alles Liebe

    Yvi

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  6. J.
    25/07/2017 at 16:50 (3 Monaten ago)

    ich glaube diesen text versteht nur, wer diese andere seite von hannes nach seinem tod erfahren musste.

    ich bin immer noch wütend. und ertrage die „falsche“ sicht“ oder sagen wirs so die einseitige sicht suf ihn, die gerade heute so hervorgehoben wird, kaum.

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    • Jessika
      25/07/2017 at 20:06 (3 Monaten ago)

      Ja. Das glaube ich mittlerweile auch. 🙁

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  7. Mo
    26/07/2017 at 16:11 (3 Monaten ago)

    Musste wirklich ein geliebter Mensch sterben, damit die mangelnde Aufrichtigkeit, die „Show“ , die abgezogen wird, das Aufpolieren der Realität, das die allermeisten im Internet betreiben, erkannt wird? Uff!
    Na, dann mal los … auf geht’s zum Seelenstriptease … der Aufrichtigkeit wegen …
    Ich kenne Sie nicht, ich kannte Johannes Korten nicht. Aber ich kenne das Gefühl, sich komplett in einem Menschen getäuscht zu haben, (gefühlt) getäuscht worden zu sein und dann hat dieser Mensch sich durch Selbstmord raus genommen. Aber das als Augenöffner zu brauchen, um das Internet plötzlich als das zu erkennen, was es ist, … Uff!

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  8. Paleica
    27/07/2017 at 15:00 (3 Monaten ago)

    was für ein wahrer und toller text. darum ziehe ich mich von allen netzwerken letztlich immer wieder auf meinen blog zurück, denn dort kann ich mehr sein als immer nur das eine von den 100 bildern – dort haben auch die 99 anderen platz. was du über die erkenntnis des nicht-fühlens geteilt hast, das habe ich ganz genauso erlebt. aus dem nicht-fühlen wieder rauszukommen hat bei mir nur mit chemie geklappt und tut es noch.

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